Contao vs. WordPress: Warum die Wahl des CMS keine Glaubensfrage sein sollte
Ich schreibe das nicht als jemand, der Contao verkaufen will, sondern als jemand, der beide Systeme in der Praxis kennt und ehrlich sagen will, wo die Unterschiede tatsächlich liegen. Denn die Wahrheit ist unbequemer als jede Marketingaussage: WordPress ist in vielen Fällen die richtige Wahl. Für meine Zielgruppe, kleine und mittlere Unternehmen sowie Vereine, die eine Website wollen, die über Jahre stabil läuft und wenig Pflegeaufwand verursacht, ist Contao aber in der Regel die klügere Entscheidung. Warum, erkläre ich im Detail, inklusive der Gegenargumente, die man nicht verschweigen sollte.
Zwei völlig unterschiedliche Philosophien
WordPress wurde 2003 ursprünglich als Blog-Software entwickelt und hat sich seitdem durch ein riesiges Plugin-Ökosystem zu einem Allzweckwerkzeug gemausert. Contao dagegen ist von Anfang an, damals noch unter dem Namen TYPOlight, als vollwertiges Content-Management-System konzipiert worden. Seit der Umbenennung 2010 und vor allem seit Version 4 im Jahr 2015 basiert Contao vollständig auf dem PHP-Framework Symfony. Das ist kein technisches Detail, sondern der zentrale Unterschied: Contao ist von Grund auf eine moderne, in sich geschlossene Software-Architektur. WordPress ist ein schlanker Kern, um den sich ein loses Netz aus zehntausenden unabhängig entwickelten Plugins rankt.
Diese Struktur erklärt fast jeden weiteren Unterschied auf dieser Liste.
Marktanteil: Größe ist nicht gleich Qualität
Fangen wir mit der unbequemen Wahrheit an, die für WordPress spricht: Es dominiert den Markt. WordPress läuft auf etwa 43 % aller Websites weltweit, unter Websites mit erkennbarem CMS liegt der Anteil sogar bei rund 61 bis 63 %. Contao spielt dagegen, gemessen an reinen Nutzungszahlen, in einer ganz anderen Liga, es ist ein Nischenprodukt mit besonders starker Verbreitung im deutschsprachigen Raum, vor allem bei Kommunen, Verbänden und Vereinen.
Das ist tatsächlich ein echtes Argument für WordPress: mehr Entwickler am Markt, mehr fertige Themes, mehr Tutorials, eine größere Auffangmöglichkeit, falls der bisherige Dienstleister ausfällt. Wer das größtmögliche Angebot an günstigen Fertiglösungen und Freelancern sucht, ist bei WordPress im Vorteil. Das gehört zur Ehrlichkeit dazu.
Sicherheit: Wo die Größe zum Problem wird
Genau diese Popularität hat aber eine Kehrseite. Weil WordPress so verbreitet ist, ist es auch das lohnendste Ziel für automatisierte Angriffe. Nach Auswertungen aus der Branche gehen etwa 92 % aller gemeldeten Sicherheitslücken bei WordPress-Websites auf veraltete Plugins zurück, nicht auf den WordPress-Kern selbst. Das Problem liegt also nicht in WordPress an sich, sondern in der Architektur: Eine typische WordPress-Website nutzt 20 bis 40 Plugins von unterschiedlichen, teils inaktiven Entwicklern. Jedes davon ist ein eigenes Einfallstor, das gepflegt, aktualisiert und auf Kompatibilität geprüft werden muss.
Contao verfolgt hier bewusst einen anderen Weg: einen schlankeren Funktionsumfang im Kern, dafür weniger Abhängigkeit von einer unüberschaubaren Menge an Drittanbieter-Code. Das reduziert die Angriffsfläche spürbar, ist aber kein Freifahrtschein: Auch eine Contao-Installation muss aktuell gehalten werden, auch hier gibt es Erweiterungen mit Update-Bedarf. Der Unterschied ist eine Frage des Ausmaßes, nicht des Prinzips.
Update- und Support-Zyklen: Ein handfester, überprüfbarer Unterschied
Hier lässt sich ein Punkt tatsächlich mit Zahlen belegen statt mit Meinung. Contao arbeitet mit einem klar definierten LTS-Modell (Long Term Support): Die aktuelle LTS-Version 5.7 wurde im Februar 2026 veröffentlicht und erhält aktive Weiterentwicklung bis Februar 2029 sowie Sicherheitsupdates bis Februar 2030 (Quelle). Das bedeutet: Wer heute auf eine LTS-Version setzt, kennt schon jetzt das genaue Datum, bis zu dem seine Website technisch abgesichert ist, und kann Budget und Relaunch-Zeitpunkt entsprechend planen.
WordPress kennt dieses Konzept in dieser Form nicht. Der Kern wird kontinuierlich weiterentwickelt und ist in der Regel gut gepflegt, aber für die Lebensdauer eines Themes oder eines einzelnen Plugins gibt es keine vergleichbare, verbindliche Zusage. Ob ein Plugin in zwei Jahren noch gepflegt wird, hängt vom guten Willen eines einzelnen Entwicklers oder eines kleinen Anbieters ab. Diese Planungssicherheit ist für ein Unternehmen, das seine IT-Kosten kalkulieren muss, ein echter Wert, den man in Euro und Cent nur schwer, aber in Planungsruhe sehr direkt spürt.
Barrierefreiheit: Tradition ja, Automatismus nein
Hier muss ich ehrlich sein und darf nicht übertreiben: Barrierefreiheit ist in erster Linie eine Frage des Themes beziehungsweise Templates und der sauberen Umsetzung, nicht des CMS-Kerns. Sowohl mit WordPress als auch mit Contao lässt sich eine nach WCAG 2.1 barrierefreie Website bauen, und beide lassen sich auch mit schlechtem Code unzugänglich gestalten.
Was aber stimmt: In der Contao-Community gibt es seit vielen Jahren eine ausgeprägte Auseinandersetzung mit dem Thema, dokumentiert unter anderem durch eigene Fachvorträge auf Contao-Konferenzen zur barrierefreien Umsetzung. Das ist besonders relevant, weil seit 2019 die BITV 2.0 öffentliche Stellen zur barrierefreien Gestaltung ihrer Websites verpflichtet und seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) auch viele private Angebote betroffen sind. Für Vereine und Kommunen, also für einen erheblichen Teil meiner Kundschaft, ist das kein theoretisches Thema, sondern eine konkrete rechtliche Anforderung.
Redaktion und Bedienung: Weniger ist hier mehr
WordPress braucht für viele Standardaufgaben, die Contao von Haus aus mitbringt, zusätzliche Plugins: Formulare, SEO-Optimierung, Backup, Caching, oft auch einen separaten Page-Builder wie Elementor, weil der native Block-Editor als zu limitiert empfunden wird. Jedes dieser Zusatztools bringt eine eigene Lernkurve, eine eigene Update-Pflicht und eine eigene potenzielle Fehlerquelle mit.
Contao integriert die meisten dieser Funktionen bereits im Kern und mit einer einheitlichen Bedienlogik. Das Backend wirkt dadurch zunächst nüchterner als ein mit Page-Buildern aufgehübschtes WordPress-Backend, ist nach meiner Erfahrung aber gerade für Redakteurinnen und Redakteure ohne IT-Hintergrund nach kurzer Einarbeitung robuster zu bedienen, weil weniger unterschiedliche Bedienkonzepte aufeinandertreffen.
Die Kostenfrage über die Lebensdauer
Auch das gehört zur Ehrlichkeit: Die Erstellung einer WordPress-Website ist oft günstiger, weil es unzählige fertige Themes gibt und der Wettbewerb unter Anbietern hoch ist. Bei den laufenden Kosten kehrt sich das Bild in der Praxis häufig um: Jedes der zahlreichen Plugins verursacht potenziell Lizenzkosten, Update-Aufwand und im Fehlerfall Behebungskosten. Eine gut geplante Contao-Website mit weniger, dafür stabileren Komponenten verursacht über einen Zeitraum von fünf Jahren häufig einen geringeren Gesamtaufwand, auch wenn die Startinvestition höher liegt. Das ist eine Tendenzaussage aus meiner beruflichen Erfahrung, keine allgemeingültige Zahl, die sich pauschal belegen ließe. Seriös lässt sich das nur im Einzelfall anhand des konkreten Projekts durchrechnen.
Für wen ist welches System die bessere Wahl?
| Kriterium | Für WordPress spricht, wenn... | Für Contao spricht, wenn... |
|---|---|---|
| Budget | das Startbudget sehr knapp ist und ein Fertig-Theme reicht | langfristig geringe Pflegekosten wichtiger sind als ein niedriger Einstiegspreis |
| Funktionsumfang | sehr spezielle Funktionen benötigt werden, für die es ein fertiges Plugin gibt (z. B. Buchungssysteme, Mitgliederbereiche) | ein solides Content-Management mit klaren Standardfunktionen genügt |
| E-Commerce | ein Shop mit WooCommerce und dessen riesigem Erweiterungsangebot geplant ist | der Shop überschaubar bleibt oder ohnehin auf Shopware/Shopify ausgelagert wird |
| Sicherheit/Wartung | jemand im Haus regelmäßig Zeit für Plugin-Pflege hat oder investieren möchte | die Website “nebenbei” laufen soll, mit möglichst wenig Wartungsaufwand |
| Öffentliche Hand/Vereine | (selten der entscheidende Faktor) | Barrierefreiheit und Langzeit-Planbarkeit gesetzlich oder satzungsgemäß relevant sind |
Fazit: Keine Glaubensfrage, sondern eine Frage des Einsatzzwecks
Wer eine Content-System mit maximaler Plugin-Flexibilität braucht und die laufende Pflege selbst stemmen kann oder will, ist mit WordPress gut bedient, die schiere Marktgröße und das Angebot sprechen dafür. Wer dagegen, wie die meisten meiner Kunden, eine Website will, die über Jahre stabil, sicher und mit überschaubarem Aufwand läuft, ohne dass man sich ständig um Plugin-Updates und Sicherheitslücken sorgen muss, für den ist Contao die durchdachtere Basis. Nicht, weil es das “bessere WordPress” ist, das wird der Software nicht gerecht, sondern weil es ein eigenständiges, auf Stabilität und Wartungsarmut ausgelegtes System ist.